Lexikonartikel – Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz

(19. Januar 2007; unbenotet; Proseminar „Der Dreißigjährige Krieg“; Historisches Institut, Uni Rostock; Dozent: PD Dr. Stefan Kroll)

(* 26.8.1596 in Amberg, † 29.11.1632 in Mainz)

Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz
Eines des seltenen Reiterbilder des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz (Bild ist Public Domain. Bildquelle: Wikimedia)

Friedrich V. war der älteste Sohn von Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz (1574-1610) und Louise Juliane (1576-1644), der Tochter des Ersten Generalstatthalters der Vereinigten Niederlande Fürst Wilhelm I. von Nassau-Oranien und seiner Frau Charlotte von Bourbon-Montpensier. Die nach mehrjährigen Verhandlungen zustande gekommene Ehe mit Elisabeth Stuart (1596-1662), der Tochter von König Jakob I. von England, brachte 13 Kinder hervor.

Der Kurfürst Friedrich V. gehört zu den Personen, deren Spottname der bekanntere Name ist. Sein Spottname „Winterkönig“ geht auf ein kaiserliches Flugblatt zurück, in dem Friedrich V. erstmalig als FrIDerICVs ReX HyeMIs (Fredericus I Winterkönig) bezeichnet wurde. Die Verbreitung bis heute verdankt er unter anderem Friedrich Schiller, der in seiner „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ nicht mit negativen Attributen für Friedrich V. gespart hat. Noch zu Friedrichs Lebzeiten versuchte die pfälzische Presse mehrmals auf diesen Spottnamen zu reagieren, konnte aber letztendlich nichts gegen ihn ausrichten, zu prägnant war die Beschreibung, auch wenn die tatsächliche Regierungszeit als böhmischer König länger andauerte als nur einen Winter.

Die neuere Forschung versucht zu beweisen, dass Friedrich V. nicht der geistig schwache, engstirnige, von seinen Räten abhängige und von seiner Religion und seiner Ehefrau getriebene Fürst war, als der er bisher dargestellt wurde. Statt dessen beschreibt sie ihn als einen sowohl höfisch und theologisch als auch politisch hoch gebildeten und mit politischem Verantwortungsbewusstsein ausgestatteten jungen Fürsten, der im Stande war seine Ziele und Sprache dem jeweiligen Kommunikationspartner anzupassen, die Religion von der Politik zu trennen und die Komplexität der zeitgenössischen politischen Zusammenhänge zu erkennen. Die Fähigkeit Friedrichs zur Trennung von Politik und Kirche ist jedoch als fragwürdig einzustufen, schließlich ist die zwingende Trennung von Religion und Politik in den Lehren Calvins nicht vorgesehen, im Gegenteil bei den Reformatoren Calvin, Zwingli wurde beides zweckdienlich miteinander vermischt. Des Weiteren war es das Anliegen mehrerer Pfalzgrafengenerationen dem Kalvinismus zur politischen Anerkennung zu verhelfen.

Im Alter von neun Jahren wurde Friedrich V. nach Sedan an den Hof seines Onkels geschickt, wo ihm neben der dogmatisch religiösen Ausbildung auch all jenes Wissen vermittelt wurde, das ein damaliger Staatsmann und Stellvertreter des Kaisers benötigte. Nach dem Tode seines Vaters folgte ein Vormundschaftsstreit, da Friedrich IV. die Goldene Bulle von 1536 und alle geltenden Gesetze missachtete und per Testament statt des gesetzlichen Vormundes, dem lutherischen Pfalzgrafen von Neuburg, den kalvinistischen Johann II. von Zweibrücken als Vormund bestimmte.

Für den überzeugten Kalvinisten Friedrich V. war die Religion überaus wichtig. Gemäß der älteren Literatur war der Glaube für Friedrich die Stütze und der Leitfaden, nach dem er alles ausgerichtet habe. Diese religiöse Einstellung war es auch, die es seinem Hofprediger Abraham Scultetus kurz vor Weihnachten 1619 erlaubte einen Bildersturm im Prager St.-Veits-Dom zu veranstalten. Für die mehrheitlich katholischen Böhmen war jedoch die Zerstörung von Altären, Plastiken, Bildern und Reliquien, zu denen auch Gräber gehörten, eine Beleidigung Gottes. Verstärkt wurde das Missverhältnis zwischen ihm und seinem böhmischen Volk durch seine kurz nach der Krönung gegebene Zusage der Glaubensfreiheit und der Befolgung des Majestätsbriefes, sowie durch den neuen, französischen Lebensstil am Hofe, durch die neu eingeführte allgemeine Wehrpflicht und die massive Steuererhöhung.

Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz war als primus inter pares der ranghöchste weltliche Kurfürst und Stellvertreter des Kaisers, gleichzeitig war Friedrich V. der Führer der Protestantischen Union und zusammen mit dem Kurfürsten von Sachsen bildete der pfälzische Kurfürst die Interimsregierung zwischen dem Tod eines Kaisers bis zur der Wahl seines Nachfolgers.

Friedrichs Vater hatte lieber seine Räte regieren lassen und auch der junge und politisch unerfahrene Friedrich V. überließ seinen beiden wichtigsten Beratern Christian I. von Anhalt-Bernburg und später Ludwig Camerarius, die auch schon die Entstehung der Protestantischen Union und den Jülich-Klevischen Erbfolgestreit beeinflusst hatten, die Masse der politischen Entscheidungen, die er dann nur noch absegnete.

Mit dem Prager Fenstersturz vom 23.5.1618 war aus dem schwelenden Konflikt in Böhmen zwischen den protestantischen Ständen und ihrem katholischen König, dem Habsburger Ferdinand II., eine offene Konfrontation geworden. Als im März 1619 der im Konflikt vermittelnde Kaiser Mathias starb, verschärfte sich der Konflikt in Böhmen und Ferdinand II. wurde im August 1619, trotz der intensiven Bemühungen der Pfälzer, zum neuen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt. Alle anderen Kandidaten, denen die Kaiserkrone angetragen worden war, hatten abgelehnt. Oft mit einer ähnlichen Begründung wie Maximilian I. von Bayern, der der Meinung war, dass sein Land nicht stark genug für die Kaiserkrone sei. Am Tag der Kaiserkrönung, dem 18.8.1619, erhielt Friedrich die Nachricht, dass Ferdinand abgesetzt und er zum neuen böhmischen König gewählt worden sei. Für die Wahl der böhmischen Stände waren sowohl Überlegungen zur Zugehörigkeit Friedrichs zum Protestantismus, seine weitreichenden familiären Kontakte als auch seine Kurwürde ausschlaggebend gewesen. Die Annahme der Königskrone bedeutete jedoch gleichzeitig eine pfälzische Einmischung auf böhmischer Seite in den böhmisch-kaiserlichen Konflikt. Da an die böhmischen Lande auch eine Kurstimme gebunden war, konnte die katholische Seite dieses nicht akzeptieren. Immerhin hätte der protestantische Friedrich, falls der Kurverein zustimmte, zwei Kurwürden auf sich vereinigt. Und so hatte ihn unter anderem sein katholischer Vetter, Maximilian I. von Bayern, explizit vor der Annahme der böhmischen Königskrone gewarnt und ihm mit der militärischen Intervention gedroht. Wegen dieses Dilemmas und entgegen der inzwischen widerlegten Legende, seine Frau habe ihn überredet, hatte Friedrich bei vielen Räten und anderen europäischen Herrschern Rat eingeholt und die Mehrheit hatte ihm abgeraten die Krone anzunehmen. Dennoch nahm Friedrich Ende September 1619 die Wahl an. Überzeugt wurde er vermutlich von seinem Berater Christian von Anhalt, der konsequenten antihabsburgischen Politik der Pfalz, der Angst vor einer papistischen Weltverschwörung, der religiösen Überzeugung den Kalvinismus voranzubringen sowie den wirtschaftlichen Vorteilen (Oberpfalz und Böhmen bildeten das Eisenzentrum Europas).

Wie schon von Maximilian I. von Bayern angekündigt, kam es zum Krieg zwischen Böhmen und dem Kaiser und nach einer Reihe ergebnisloser Scharmützel standen die kaiserlichen Truppen vor Prag. Während Christian von Anhalt und die Generäle das Militärische übernahmen, kümmerte sich der in militärischen Dingen ahnungslose Friedrich um den Nachschub. Dadurch saß er am 8.11.1620 mit englischen Gesandten in der Stadt beim Mittagessen, als seine Truppen, trotz besserer strategischer Ausgangslage, am Weißen Berg vernichtend geschlagen wurden. Noch am selben Tag floh Friedrich mit Familie und Gefolge über Schlesien nach Brandenburg, wo sie im Januar 1621 ankamen, und wo Christian von Anhalt dann seinen Dienst quittierte. Noch im selben Monat verhängte der Kaiser die Reichsacht über Friedrich, so dass dieser in die Niederlande fliehen musste. Kurz darauf löste sich auch die Protestantische Union auf. Hinter dieser Demonstration kaiserlicher Macht wird Maximilian I. von Bayern vermutet, der die Pfälzer Kurwürde für sich beanspruchte und diese 1623 im Geheimen und auf rechtswidrige Weise erhielt. Erst 1628 wurde sie ihm öffentlich zuerkannt und er offiziell in den Kurverein aufgenommen.

Nach dem Verlust seiner Erblande und seiner Kurwürde zog sich Friedrich ins Privatleben zurück und überließ seinen Beratern, allen voran Ludwig Camerarius, das politische Tagesgeschäft der Exilregierung. Da er keine militärische Macht aufbringen konnte, versuchte er auf ebenso friedliche, wie erfolglose Weise seine Kurwürde zurückzuerhalten. Er entschuldigte sich 1630 auf dem Regensburger Reichstag sogar schriftlich beim Kaiser, aber er schlug demütigende Angebote ebenso aus, wie Angebote die nicht zur vollständigen Restitution als Pfälzer Kurfürst führten. Als der schwedische König Gustav II. Adolf 1631 in den Dreißigjährigen Krieg eingriff, sah Friedrich seine große Chance nahen. Allerdings blieben seine Bitten um militärische Unterstützung beim englischen König Karl I., der seinem Schwiegervater Jakob I. auf den Thron gefolgt war, ungehört.

Nachdem die englische Hilfe auch nach der Eroberung Münchens 1632 noch immer nicht zugesichert werden konnte, fragte Friedrich V. den schwedischen König nach seinen Bedingungen für die Restitution der Pfalz und der Kurwürde ohne englische Hilfe. Was Gustav Adolf verlangte, konnte Friedrich aber nicht annehmen. Friedrich sollte das Luthertum in der Pfalz zulassen, alle strategisch oder wirtschaftlich wertvollen Gebiete sollten in schwedischer Hand bleiben und Friedrich sollte die restlichen Erblande als Lehen von Gustav Adolf erhalten und ihn als alleinigen Herren anerkennen. Nachdem die Verhandlungen über die Forderungen erfolglos blieben, blieb Friedrich nichts anderes übrig, als zu seiner Familie ins Exil in den Niederlanden zurückzukehren. Auf dieser Rückreise verstarb er am 29.11.1632 an einer Pestinfektion in Mainz. Dass sich England zu guter Letzt dazu durchgerungen hatte, ihm ein Heer auszustatten, erfuhr er nicht mehr. Seine sterblichen Überreste gingen bei der Überführung nach Sedan aufgrund der Kriegswirren irgendwo zwischen Metz und Sedan verloren.

Die Kurfrage blieb auch nach Friedrichs Tod umstritten und erst im April 1647 waren endgültig alle Formalitäten zur Schaffung einer Achten Kur für Friedrichs Sohn Karl Ludwig von der Pfalz erledigt.

verwendete Literatur

  • Frese, Annette; Hepp, Frieder; Ludwig, Renate [Hrsg.]: Der Winterkönig. Heidelberg zwischen höfischer Pracht und Dreißigjährigem Krieg. (Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg, 21.11.2004-27.2.2005.) Remshalden 2004.
  • Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 7. Leipzig 1878.
  • Historische Kommission bei der Bayrischen Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]: Neue deutsche Biographie. Bd. 5. Berlin 1961.
  • Kraus, Andreas: Maximilian I. Bayerns großer Kurfürst. Köln [u. a.] 1990.
  • Pursell, Brennan C.: The Winter King. Frederick V of the Palatinate and the coming of the Thirty Year’s War. Aldershot 2003.
  • Repgen, Konrad: Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede. Studien und Quellen. Paderborn [u. a.] 1998.
  • Stadtarchiv Amberg [Hrsg.]: Der Winterkönig. Königlicher Glanz in Amberg. Vortragsreihe des Stadtarchivs Amberg zur Landsausstellung 2003. Amberg 2004.
  • Wolf, Peter [Hrsg.]: Der Winterkönig. Friedrich von der Pfalz. Bayern und Europa im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Stuttgart 2003.
  • Wolf, Peter [Hrsg.] [u. a.]: Der Winterkönig. Friedrich V., der letzte Kurfürst aus der Oberen Pfalz. Amberg, Heidelberg, Prag, Den Haag. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2003, Stadtmuseum Amberg. Augsburg 2003.
  • Wolgast, Eike: Reformierte Konfessionen und Politik im 16. Jahrhundert. Studien zur Geschichte der Kurpfalz im Reformationszeitalter. (Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Bd. 10.) Heidelberg 1998.

Empfohlene, aber aufgrund langer Lieferzeiten bei Fernleihen nicht verwendete Literatur

Die hier genannte Literatur ist zwar drei Monate vor dem Abgabetermin via Fernleihe bestellt worden, aber bis zum Abgabetag nicht eingetroffen. Bei der folgenden Literatur handelt es sich demnach um vom Autor nicht überprüfte Werke, die andere Autoren in ihren Arbeiten zu Friedrich V.
jedoch sehr ausgiebig verwendeten.

  • Bilhöfer, Peter: Nicht gegen Ehre und Gewissen. Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz – der Winterkönig von Böhmen (1596 – 1632). Heidelberg 2004.
  • Lipowski, Felix Joseph: Friederich V. Churfürst von der Pfalz und König von Böhmen. Eine historisch-biographische Schilderung. München 1824.

Bildnachweis

http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Reiterbild_Friedrichs_V._C-J_171.jpg entnommen am 4.1.2006 gegen 14:00 Uhr.