Freiarbeit

(31.05.2006; unbenotet; Grundbegriffe der Allgemeinen Didaktik (PS); Institut für Schulpädagogik, Uni Rostock; Dozent: Fr. Dr. Gaßmann)

Handout zum Vortrag

1. Was ist Freiarbeit?

  • Freiarbeit ist eine eigenverantwortliche, ziel- und produktorientierte, nicht primär lehrergesteuerte, z. T. fächerübergreifende Arbeit, bei der die Schüler ihre Lernarbeit, ihr Lerntempo, die gewünschte Sozialform und die benötigten Materialien selbst für sich planen, einteilen und durchführen.
  • Darf nicht mit Stillarbeit verwechselt werden!
  • Möglichkeit für den Lehrer differenziert und individualisiert auf die einzelnen Schüler einzugehen.
  • Möglichkeit für die Schüler nach individuellen Bedürfnissen zu lernen. Auf diese Weise ist die materialgeleitete Freiarbeit eine Unterrichtsmethode zum Üben, Festigen, Wiederholen von Unterrichtsteilen oder komplexem Lernstoff, der im Fachunterricht nicht oder nur in Teilen verstanden wurde. Darüber hinaus bietet sie in geringerem Maße die Möglichkeit für die Schüler selbständig ihr Wissen zu vertiefen.

2. Historie

  • 2. Die Freiarbeit, oder MONTESSORI-Pädagogik, entstand als ein Ergebnis der Reformpädagogik zu Beginn des letzten Jahrhunderts.
  • Maria MONTESSORI (1870-1952), italienische Psychologin, Ärztin und Anthropologin
  • Célestin FREINET (1896-1966), französischer Reformpädagoge, „Wochenarbeitsplan“
  • Peter PETERSEN (1884-1952), deutscher Reformpädagoge, „Wochenplan“, „Jena-Plan-Schule“
  • Hugo GAUDIG (1860-1923), deutscher Reformpädagoge, „selbständiges Lernen“
  • Helen PARKHURST (1886-1973), amerikanische Reformpädagogin: „Dalton-Plan“ (1920): Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten als Grundlage für die Zukunft

3. Ziele der Freiarbeit

  • Hauptziel: die Persönlichkeitsbildung des Schülers
  • komplexe Verbindungen ins reale Leben schaffen
  • Erziehung der Schüler zu mündigen Bürgern
  • Es werden nicht nur Fakten vermittelt, sondern auch das Wissen um die Anstrengungen für den Erwerb des neuen Wissens.
  • Förderung von:
    • sozialen Kompetenzen (Kooperationsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Empathiefähigkeit, Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein) inkl. sozialem Engagement
    • Selbstkompetenz (Selbständigkeit, -kontrolle, Reflexionsfähigkeit, Zielstrebigkeit)
    • Methodenkompetenz (Informationsbeschaffung, Lern-, Organisations-, Präsentationstechniken und -strategien)
    • Fachkompetenz (Einüben instrumenteller Fähigkeiten, Experimentieren, Beobachten, Beschreiben, Interpretieren)
    • Lehrer-Schüler-Beziehung (Entdeckung bisher verborgener Fähigkeiten beim Schüler, bessere Gesprächsmöglichkeiten zwischen Lehrer und Schüler, Lehrer als Helfer und Partner, nicht als „Meister“)

3.1 Grundgedanken und Ideen

  • Freiarbeit soll dem Kind ein Stück „Sein-eigener-Herr-sein“ zurückgegeben.
  • Lernen muss nicht nur Zwang sein, sondern kann auch Spaß machen
  • intensivere Beschäftigung mit dem Stoff als beim Frontalunterricht. –> Was man sich selbst erarbeitet hat, dass kann man sich nicht nur besser sondern auch länger merken.
  • Vermeidung von Expertenwissen, eher Ausbildung von teamfähigen Generalisten mit Überblick
  • durch die verstärkte Beobachtung können Veränderungen an den Schülern schneller entdeckt, bewertet und ggf. korrigiert werden.

3.2 Wer oder was ist frei bei Freiarbeit?

  • Schüler (selbständige, eigenverantwortliche, freie Zeiteinteilung/Methoden-/Materialwahl)
  • Lehrer (bessere, individuellere Betreuung der Schüler)

3.3 Wer oder was ist nicht frei bei Freiarbeit?

  • die Arbeit (Es muss ein evaluierbares Ergebnis herauskommen.)
  • der Lehrer (Nimmt sich zurück, keine Bevormundung, keine Lehrerdemonstrationen. Hilfe nur auf Anfrage, motiviert und zeigt Grenzen, Regeln, Pflichten, Vorsätze auf)
  • die Umgangsregeln untereinander
  • die Methoden
  • der Lehr- oder Rahmenplan
  • das Material (Es muss alle notwendigen didaktischen und methodischen Entscheidungen des Lehrers enthalten um Selbständigkeit, Selbstverantwortlichkeit und Kooperationsfähigkeit fördern. Es soll Aufforderungscharakter haben und positiv auf die Schüler einwirken, es muss sachgerecht sein und darf nicht nur zur Beschäftigung dienen und es soll eine Selbstkontroll-möglichkeit für die Schüler beinhalten.)
  • die Lernumgebung (siehe Material)
  • Anleitung (ohne sie Chaos statt konzentriertem Lernen)
  • Schüler (selbständige, eigenverantwortliche, freie Zeiteinteilung/Methoden-/Materialwahl)

3.4 Wann ist Freiarbeit sinnvoll?

  • zur Vertiefung
  • zur Zielorientierung und Motivation
  • zur Verbesserung der Selbständigkeit

3.5 Wann ist Freiarbeit nicht sinnvoll?

  • als Lückenfüller bei Restzeiten oder Vertretungsstunden
  • als vollständiger Ersatz für gebundenen Unterricht
  • als alleinige Unterrichtsmethode

4. Probleme bei der Umsetzung der Freiarbeit

  • die gesamte Lernarbeit als Freiarbeit ist in unserem Schulsystem nicht möglich
  • oftmals „schier unüberwindbar“ erscheinende organisatorischen Schranken
  • das „Nicht-zuständig-sein“ von Fachlehrern
  • Zurücknahme der Lehrerkontrolle („Entmachtungsgefühle“)
  • fächerübergreifende Zusammenarbeit der Lehrer (einer allein kann nichts bewirken)
  • Einführung muss langsam erfolgen, sonst sind Lehrer und Schüler überfordert
  • die Bewertung/Benotung/Leistungsmessung muss für jeden Schüler individuell sein –> hoher Arbeitsaufwand
  • Schüler mit Konzentrationsschwächen haben zu viele Ablenkungsanreize

5. Kritik

  • Keine klare Definition von Freiarbeit und noch mehr Vorschläge zu deren Umsetzung.
  • Reine MONTESSORI-Pädagogik unterscheidet sich in zu vielen Punkten von öffentlichen Schulen (z. B. Noten – keine Noten; Schulbücher – keine Schulbücher; Zeugnisse – keine Zeugnisse).
  • Die Benotung von Freiarbeit, also der Arbeit selbst und dem produzierten Ergebnis, ist deutlich schwieriger. Problem der Vergleichbarkeit der Benotungen unterschiedlicher Lehrer.
  • Freiarbeit, die sich nicht an die Strukturen der Arbeit hält, führt auf Dauer zu Unverbindlichkeiten, die keine Produktivität mehr ermöglichen und am Ende eher Lustlosigkeit und evtl. sogar Aggressionen fördern, als zu einem positiven Ergebnis/Produkt zu gelangen.

6. Literatur

6.1 verwendete Literatur

  • ARENDT, Manfred: Freiarbeit. Schüleraktivitäten – Schülermeinungen. In: Fremdsprachenunterricht. Die Zeitschrift für das Lehren und Lernen fremder Sprachen. Bd. 46. Heft 4. Berlin, 2002.
  • BÖDDENER, Maren: Offene Lernsituationen – ein neues Weg. In: CLAUSEN, Claus: Wochenplan und Freiarbeit. Braunschweig, 2005.
  • BRESLAUER, Klaus: Forderungen an die Bildungsmittel für die Freiarbeit. In: SEITZ, Oskar [Hrsg.]: Freies Lernen. Grundlagen für die Praxis. Donauwörth, 1999.
  • BRESLAUER, Klaus: Zur Verzahnung von Klassenunterricht und Freier Lernarbeit. In: SEITZ, Oskar [Hrsg.]: Freies Lernen. Grundlagen für die Praxis. Donauwörth, 1999.
  • CLAUSEN, Claus: Wochenplan und Freiarbeit. Braunschweig, 2005.
  • EDMUNDTS, Paul: Lehrplan, Stundenplan, Klassenarbeitsplan. Freies Arbeiten als Maßnahme gegen die Gängelung von Schülerinnen und Schülern. In: In: Groß, Engelbert [Hrsg.]: Freies Arbeiten in weiterführenden Schulen. Hinführung – Begründung – Beispiele. Donauwörth: Auer, 1992.
  • JÜRGENS, Eiko: Offener Unterricht. Einige Anmerkungen zur aktuellen Diskussion und zur Praxis. In: JÜRGENS, Eiko: Erprobte Wochenplan- und Freiarbeits-Ideen in der Sekundarstufe I. Praxisberichte über effektives Lernen im offenen Unterricht. Heinsberg, 1994.
  • KLEIN-LANDECK, Michael: Kleine Schritte zur Freiarbeit. MONTESSORI in der Regelschule. In: Pädagogik. Bd. 52. Heft 11. Weinheim, 2000.
  • MAYER, Werner G.: Freie Arbeit in der Primarstufe und in der Sekundarstufe bis zum Abitur. Denkanstöße zur inneren Reform der Schule. Ein Diskussionsbeitrag aus Nordrhein-Westfalen. Heinsberg, 1992.
  • MENZER, Klaus; Nienhaus, Brigitte: Freies Arbeiten im Gymnasium. Märchenbuch und „Journal de l’Echange“. In: Groß, Engelbert [Hrsg.]: Freies Arbeiten in weiterführenden Schulen. Hinführung – Begründung – Beispiele. Donauwörth: Auer, 1992.
  • NOLL, Heike: MONTESSORI-Freiarbeit. Möglichkeiten und Grenzen im Alltag öffentlicher Schulen. Ulm, 2003.
  • POTTHOFF, Willi: Grundlage und Praxis der Freiarbeit. Freiburg, 1995.
  • Scherenhammer, Annelise: Deutsch in der Freiarbeit. In: Weinhäupl; Wilhelm [Hrsg.]: Lust auf Schule. Offener Unterricht in der Mittelstufe. Linz, 1995.
  • SEHRBROCK, Peter: Freiarbeit in der Sekundarstufe I. Frankfurt a. M.: Cornelsen Scriptor, 1993.
  • SEITZ, Oskar: Freie Arbeit – zum Begriff. In: SEITZ, Oskar [Hrsg.]: Freies Lernen. Grundlagen für die Praxis. Donauwörth, 1999.
  • SEITZ, Oskar: Historische Wurzeln der Freiarbeit – Maria MONTESSORI und Peter PETERSEN. In: SEITZ, Oskar [Hrsg.]: Freies Lernen. Grundlagen für die Praxis. Donauwörth, 1999.
  • TRAUB Silke: Lehrer lernen Freiarbeit. Beschreibung und Analyse eines Lehrerfortbildungskonzepts. In: Die Deutsche Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaften, Bildungspolitik und pädagogische Praxis. Bd. 94. Heft 1. Weinheim, 2002.
  • TRAUB Silke: Lehrer lernen Freiarbeit. Beschreibung und Analyse eines Lehrerfortbildungskonzepts. In: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften [Hrsg.]: Die Deutsche Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaften, Bildungspolitik und pädagogische Praxis. Bd. 94. Heft 1. Weinheim, 2002.
  • TRAUB, Silke: Schrittweise zur erfolgreichen Freiarbeit. Ein Arbeitsbuch für Lehrende und Studierende. Bad Heilbrunn, 2000.
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6.2 weiterführende Literatur

  • BÖHM, Winfried: Maria MONTESSORI. Texte und Gegenwartsdiskussion. Bad Heilbrunn, 1996.
  • DÖPP-VORWALD, Heinrich: Die Erziehungslehre Peter PETERSENs. Wuppertal, 1969.
  • FISCHER, Reinhard; HEITKÄMPER, Peter: MONTESSORI Pädagogik. Aktuelle und internationale Entwicklung. In: Impulse der Reformpädagogik. Bd. 10. Münster, 2005.
  • KLAFKI, Wolfgang: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-kontruktive Didaktik. Weinheim, 1996.
  • KRIEGER Claus G.: Wege zu offenen Arbeitsformen. Leitfaden zur Unterrichtsgestaltung für die Sekundarstufe. Konzepte zur Selbststeuerung des Lernens: Methodenschulung, Planarbeit, Projektarbeit, Stationenlernen, Freies Arbeiten, Freiarbeit. Baltmannsweiler, 2005.
  • JÖRG, Hans: So macht Schule Freude. Eine Schule, die den Schülern das Wort gibt. FREINET-Pädagogik in Texten, Dokumenten und Bildern. Wolfsburg, 1995.
  • LICHTENSTEIN-ROTHER, Ilse: Jedem Kind seine Chance. Individuelle Förderung in der Schule. Freiburg i. Br., 1980.
  • LUDWIG, Harald; FISCHER, Christian; FISCHER, Reinhard; KLEIN-LANDECK, Michael: Sozialerziehung in der MONTESSORI-Pädagogik. Theorie und Praxis einer „Erfahrungsschule des sozialen Lebens“. In: Impulse der Reformpädagogik. Bd. 12, 2005.
  • MONTESSORI, Maria: Grundlagen meiner Pädagogik und weitere Aufsätze zur Anthropologie und Didaktik. Heidelberg, 1965.
  • PETERSEN, Peter: Die Praxis der Schulen nach dem Jena-Plan. Weimar, 1934.
  • PETERSEN, Peter: Innere Schulreform und neue Erziehung. Gesammelte Reden und Aufsätze. Weimar, 1925.
  • POTTHOFF, Willi: Einführung in die Reformpädagogik. Von der klassischen zur aktuellen Reformpädagogik. Freiburg, 1992.

One thought on “Freiarbeit”

  1. Hallo Herr Pommerencke,

    habe Ihr Handout zur Freiarbeit gelesen und – als Laie – der es auf einer Schulhomepage veröffentlichen möchte, alle Aspekte von betroffenen Eltern hervorragend abgedeckt, gefunden.
    Meine Fragen:
    1. Genehmigen Sie eine Veröffentlichung dieser Arbeit auf einer Schul-Homepage in Sachsen – Anhalt.
    2. Welche besonderen Hinweise bzw. welche Literaturnachweise sollen berücksichtigt werden.

    Bei Zustimmung kann ich Ihnen den Link für die Homepage nennen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Bernd Obermeier

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